Sie möchten lernen, andere Menschen zu begleiten - und dann verlangt die Ausbildung, dass Sie zuerst auf sich selbst schauen. Viele wundern sich anfangs darüber: Warum Selbsterfahrung, wenn es doch um die Klientinnen und Klienten gehen soll? Diese Frage ist berechtigt - und ihre Antwort führt mitten in den Kern seriöser Beratung.
Denn Selbsterfahrung ist kein Beiwerk, sondern ein Qualitätsmerkmal. Sie ist der Unterschied zwischen jemandem, der Methoden abspult, und jemandem, der Menschen wirklich sicher begleiten kann. Dieser Beitrag erklärt, was Selbsterfahrung ist, warum sie unverzichtbar ist - und wen sie am Ende schützt.
Was Selbsterfahrung in der Ausbildung bedeutet
Selbsterfahrung ist die angeleitete, geschützte Auseinandersetzung mit der eigenen Person: mit den eigenen Mustern, biografischen Prägungen, Empfindlichkeiten und blinden Flecken. Sie ist keine Therapie und dient nicht der Behandlung, sondern dem professionellen Verstehen der eigenen inneren Landkarte - damit diese in der Beratung nicht unbemerkt mitsteuert.
Warum Selbsterfahrung unverzichtbar ist
Der Grund liegt in einer einfachen, aber folgenreichen Tatsache: Wer andere begleitet, ist als ganzer Mensch im Raum.
- Sie bringen unweigerlich Ihre eigene Geschichte mit ins Gespräch - Muster, Werte, wunde Punkte.
- Unreflektiert wirken diese Anteile unbemerkt weiter und färben, was Sie hören und wie Sie reagieren.
- Reflektiert werden dieselben Anteile zu einem feinen Instrument - Sie nutzen Ihre Resonanz bewusst.
- So schützen Sie Ihre Klientinnen und Klienten: Sie verwechseln eigene Themen nicht mit deren Anliegen.
- Und Sie schützen sich selbst - vor Überforderung, Verstrickung und dem Ausbrennen in der Arbeit.
Anders gesagt: Wer die eigenen blinden Flecken nicht kennt, berät durch sie hindurch. Wer sie kennt, kann sie beiseitestellen, wenn es um den anderen Menschen geht.